Naomi Klein, die mit »No Logo« die Bibel der Globalisierungsgegner geschrieben hat, meldet sich mit einem knapp 800 Seiten starken Buch zurück. Botschaft: Der entfesselte Kapitalismus ist nicht nur eine einzige Katastrophe – er lebt auch von katastrophalen
Ereignissen; er ist die Ideologie der Fledderer großen Stils. Die Kanadierin erzählt, wie die Doktrin des »freien Marktes« in den letzten dreißig Jahren kalkuliert über Leichen ging. Wirbelstürme, Fluten und Bürgerkriege werden als willkommene Gelegenheiten
zum profitablen »Wiederaufbau« genutzt.
Tim Robbins (»Dead man walking«) nennt Kleins neues Meisterwerk »eine Offenbarung, das notwendigste Buch unserer Generation«; Pulitzer-Preisträger Anthony Shadid spricht von einem »Buch ohnegleichen; ein fesselndes Werk epischer Dimension, dessen Botschaft erhört werden muss«. Der Jubel der Kritik ist nicht übertrieben.
In beeindruckender Weise gibt Naomi Klein dem quasi naturgesetzlich operierenden postsozialistischen Kapitalismus ein Gesicht – die Visage Milton Friedmans (gest. 2006), Nobelpreisträger für Ökonomie und Souffleur einschlägiger Gestalten auf der Weltbühne wie Augusto Pinochet, Margaret Thatcher, Ronald Reagan oder George W. Bush.
Erst Schock, dann Profit – so lautet die immer gleiche Strategie. Am Beispiel des radikalen Umbaus im öffentlichen Schulwesen in New Orleans nach den Verwüstungen durch den Wirbelsturm »Katrina« zeigt Klein gleich zu Beginn ihres Buches, wie die wirtschaftsliberale Lobby Katastrophen dieser Art zum radikalen Umbau der Gesellschaft nutzt. Aus staatlicher Fürsorge soll privater Gewinn werden, denn, so zitiert sie Friedman, »nur eine Krise – eine tatsächliche oder empfundene – führt zu echtem
Wandel«. Ob in Bagdad oder Afghanistan nach der Invasion, ob in New Orleans nach »Katrina« oder in Sri Lanka nach dem Tsunami:
Während die Menschen noch gelähmt von der Katastrophe sind, werden sie einer weiteren, diesmal ökonomischen Schock-Behandlung nach neoliberalen Vorstellungen unterzogen.
Die wortgewaltige Autorin zeigt ähnliche Muster in der ehemaligen Sowjetunion, in China und in Südamerika auf, wo der US-amerikanische Umgang mit Allendes Chile den ersten praktischen Test für die Anhänger Milton Friedmans ermöglichte. Durch den Ausverkauf an westliche Konzerne wurden und werden dabei unzählige Existenzen vernichtet – im wirtschaftlichen wie im buchstäblichen Sinn.
Spannender als jeder Kriminalroman und unentbehrlich zum Verstehen dessen, was in der Welt und mit uns selbst geschieht, ist Naomi Kleins Buch eine fundierte, mit zahlreichen Belegen und Beispielen erhärtete Auseinandersetzung mit dem vielleicht einflussreichsten Theoretiker der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. »Die Schock-Strategie« ist, wie Arundhati Roy schreibt, »die inoffizielle Geschichte des ›freien Marktes‹. Es sollte Pflichtlektüre sein.« (HM)