Harald Welzer: Klimakriege - Wofür im 21. Jahrhundert getötet wird

Während alle Welt von »Nachhaltigkeit« schwafelt und Konzerne die Menschen mit »grüner« PR über ihre Umweltverbrechen hinwegtäuschen, geht die Zerstörung der Biosphäre ungebremst weiter. Die Wirklichkeit übertrifft bereits heute die schlimmsten Prognosen. Renommierte Fachleute wie die Klimaforscherin Helga Kromp-Kolb warnen deshalb, dass das Überleben der Menschheit auf dem Spiel steht.

Während in anderen Weltgegenden zum Teil bereits ums nackte Überleben gekämpft wird, merken wir in den reichen Ländern vergleichsweise noch wenig von den schleichenden Veränderungen. Von Hollywood auf Happy End geprägt, scheinen wir die Krise eher wie einen Ka tastrophenfilm zu konsumieren. Sollte der uns langweilen oder sonstwie stören, zappen wir einfach weiter. So erleben wir die Krise eher als Zuschauer und nehmen uns selbst kaum als besonders aktiven – oder gar als besonders bedrohten – Teil der Probleme wahr.

Fast jeder Mensch denkt, er (oder sie) sei eine Ausnahme, auf die es im Grunde nicht ankomme. Doch leider macht gerade solches Kleinvieh – die Menge macht’s! – den meisten Mist. Wir leben, noch einmal sei’s ge predigt, auch wenn es nichts bewirkt, ökologisch
auf zu großem Fuß und verbrauchen zu viel Energie und Rohstoffe. Dass die Veränderung des Klimas Eisbären dahinrafft, Südseeparadiese unter Wasser setzt und ganze Weltgegenden in Wüsten verwandelt, wissen wir bereits. Die Ursachen und ökologischen Folgen der Klimaerwärmung sind, von Details abgesehen, unbestritten. Die Folgen des Klimawandels haben aber
auch tiefgreifende Auswirkungen auf die Lebensbedingungen und Kulturen. Am Horizont dämmern bereits die Konflikte des 21. Jahrhunderts herauf. Diese werden sich vor allem um Ressourcen drehen, allen voran Trinkwasser.

In seinem Buch »Klimakriege. Wofür im 21. Jahr hundert getötet wird«, zeichnet der deutsche Soziologe Harald Welzer nun diese sozialen Folgen des Klima wandels nach. Mit dem Verschwinden von Lebensräumen entstehen Gewaltkonflikte, Bürgerkriege und gewaltige Flüchtlingsströme.

Derzeit gibt es geschätzte 25 Millionen »Klimaflüchtlinge«. Das sind mehr als jene, die aus politischen und anderen Gründen auf der Flucht sind. Diese Zahl dürfte sich in den kommenden Jahren vervielfachen und wird den Druck auf die Industriestaaten erhöhen. Die reichen Gesellschaften entwickeln bereits Strategien, »Klimaflüchtlinge« fernzuhalten. Dadurch werden sich bestehende Gerechtigkeitslücken vertiefen, nicht nur zwischen Nord und Süd, sondern auch zwischen den Generationen. Das birgt sozialen Sprengstoff.

Aus den Völkermorden des 20. Jahrhunderts ist bekannt, wie schnell soziale Fragen in radikale und tödliche Lösungen übergehen können. Harald Welzer beschreibt eindrücklich, wie Klimawandel und Gewalt zusammenhängen und was getan werden müsste, um
Klimakriege abzuwenden. Er macht klar, dass der Klimawandel die Gesellschaften vor ganz neue Fragen von Sicherheit, Verantwortung und Gerechtigkeit stellt. Die Lektüre macht die Dimension der Aufgabe beunruhigend deutlich, zeigt aber auch – und das ist noch weitaus beunruhigender –, wie wenig zu ihrer Bewältigung geschieht. (Moreau)

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