Die Geschichte, die ich hier erzähle, habe ich vor Jahren im Radio gehört. Von der Mutter eines der Kinder, die beteiligt waren. Weil sie mir so gar nicht aus dem Kopf will, habe ich sie aufgeschrieben. Das Copyright hat jedoch die Wirklichkeit. Nicht in den Details – die wurden damals nicht dazu gesagt – sondern was den Kern der Geschichte betrifft.
In der kleinen, österreichischen Stadt K. wollte die Lehrerin der zweiten Klasse Volksschule zu Weihnachten mit den Kindern ein Krippenspiel aufführen. Damit alle mitmachen können, hatte sie dem Spiel so viele Rollen hinzugefügt, dass man sogar noch aus der Nachbarklasse ein paar Engerl brauchte. Diese sollten – nach Maria und Josefs vergeblicher Herbergssuche – dann alle im Stall um die Krippe herumschwirren, damit Maria, vom Publikum unbemerkt, die Babypuppe unter ihrem Mantel hervorholen und in die Krippe legen könnte.
Mehrere Mädchen wollten Maria sein. Schließlich gab die Lehrerin die begehrte Rolle der kleinen Sabine. Und Peter, der so schön Hochdeutsch sprach, durfte der Josef sein. Auch Hirten- und Engelrollen fanden reißenden Absatz. Die drei Weisen aus dem Morgenland sollten als Abschlussbild an die Wand projiziert werden.
Nur die Rolle des hartherzigen Wirten, der Maria und Josef von seiner Schwelle jagt, wollte niemand spielen. Keines der Kinder wollte die Eltern des Jesukindes von der eigenen Türe fortjagen.
Seit Herbst gab es in der Klasse auch den kleinen Abdullah. Er kam von weit. Und sprach wenig Deutsch. Er wusste auch gar nicht, was da auf ihn zukam. Das seltsame Wort »Ärb’gsuche« verstand er nicht. So nahm er die Rolle des Wirten gern, denn er war froh, dass er mitmachen durfte.
Ein bisschen genierte sich Abdullah, dass seine Eltern nicht so eifrig mitwerkten, wie die meisten anderen Eltern, vor allem die meisten Mütter. Da wuchsen Engelflügel und weißgoldene Gewänder, ein knorriger Wanderstock für Peter-Josef war da, Sabine-Maria bekam ein blaues Gewand mit weitem Mantel, unter dem sie die Babypuppe verstecken konnte.
Hartherzige Wirte sind angeblich dick. Abdullah musste sich ein Kissen vor den Bauch binden lassen. Von seinem Vater durfte er nach langem Bitten und Betteln eine alte Weste, die noch von ganz zu Hause war, mitnehmen. Das bunt gebänderte Stück, das Abdullah fast bis zu den Knien reichte, gefiel der Lehrerin, worüber sich Abdullah sehr freute. Die wenigen Textzeilen sagte er nahezu Tag und Nacht vor sich hin, sodass er bei den Proben seine Rolle bald ganz ausgezeichnet erfüllte.
Dann kam der große Tag: Die Aufführung !
Die Aufregung der Kinder wuchs ins schier Unermessliche. Eltern, Geschwister, Tanten, Onkel, Omas und Opas waren gekommen, saßen auf Klappsesseln und unbequemen Bänken im Turnsaal, bestaunten die Holzlatten um die leere Krippe, die den Stall andeuteten, und ein Stück rechts davon die tapezierten Bananenkisten, die das Haus waren, aus dem der Wirt kommen sollte. Die Kinder hatten ihre Kostüme angezogen, Musik erklang, das heiß ersehnte Spiel konnte beginnen.
Sabine-Maria, die Puppe gut im Mantel versteckt und an den Bauch gepresst, geht mit gesenktem Köpfchen neben Peter-Josef den weiten Weg von Nazareth nach Bethlehem. Die beiden beklagen ihr schweres Schicksal und die Mühen der Reise. Sie hoffen auf einen warmen Platz für die Nacht und klopfen beim Wirtshaus an.
Abdullah öffnet die Türe: »Was wollt ihr?«
»Wir brauchen Herberge für die Nacht«; gleichzeitig antworten es Maria und Josef.
»Was zahlt ihr mir ?« fragt Abdullah.
»Wir sind arm. Wir haben kein Geld!«
»Ich habe keinen Platz für Euch!«, sagt der Wirt.
Josef: »Sieh, wie es um sie steht!«
Maria: »Bitte lass uns ein!«
»Äh?«, sagt Abdullah, »äh?«. Dann: »Ja! Ihr seid arm! Kommt! Kommt herein!« und er winkt den beiden, in sein Haus zu treten.
Maria und Josef starren ihn an. Die Lehrerin flüstert den richtigen Text: »Fort von hier!«. Abdullah reagiert nicht. Auch den hastigen Anweisungen von mehreren Seiten kann er nicht folgen. Die Kinder wissen nicht weiter. Maria kämpft mit den Tränen. Schließlich führt die Lehrerin das heilige Paar zum Stall, holt die Englein für das Schlussbild und hält zwischendurch ein paar aufgeregte Leute davon ab, Abdullah zu belehren.
Bei Musik, etlichen »Pst-pst!« und den drei Weisen aus dem Morgenland kehrt wieder so etwas wie Ruhe ein. Aber der Vater von Abdullah war sehr stolz auf seinen Sohn.

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